10 verlorene Jahre

(18.November 2008) Zehn Jahre Bildungspolitik von Roland Koch waren zehn verlorene Jahre. Unter Koch sind die hessischen Schulen - allem Gerede vom ‚Bildungsland Nr. 1’ zum Trotz - im bundesdeutschen Ländervergleich nicht aus dem Mittelfeld heraus gekommen. Und selbst die Tatsache des Stillstandes statt Rückschritts ist in erster Linie ein Erfolg des unermüdlichen Einsatzes der Lehrer und auch der Eltern.

Gegen die Uneinsichtigkeit konservativer Bildungspolitik aber ist einfach kein Kraut gewachsen. Das belegen die jüngsten Ergebnisse der PISA-Erweiterungsstudie (PISA-E) erneut. Hessen belegt im Vergleich der Bundesländer im Bereich Lesekompetenz Rang 7, im Bereich Mathematik Rang 8 und im Bereich Naturwissenschaften lediglich Rang 12. Dieses – vor allem am eigenen Anspruch gemessen - schlechte Abschneiden ist ebenso wenig überraschend wie das des neuen Spitzenreiters Sachsen. Denn bereits bei der letzten Runde des PISA-Ländervergleichs hat sich das angedeutet. Schon damals war erkennbar, dass Länder mit nur zwei parallelen Schulformen - wie Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen - eine geringere Leistungsspreizung erreichen, einen geringeren Anteil von Schülern der Kompetenzstufe 0 und 1 haben und im Vergleich zur 2000er Studie insgesamt die signifikantesten Leistungssteigerung der 15-jährigen aufweisen. All dies galt für Länder mit hoch differenzierten Systemen wie Hamburg, Bremen, Hessen oder Berlin nicht. Diese bereits seit langem sichtbare Entwicklung setzt sich nun konsequent fort.

Besonders ärgerlich ist, dass die CDU-Landesregierungen der letzten 10 Jahre aus ideologischer Borniertheit einfach nicht bereit waren, die bildungspolitische Realität, die in den Ergebnissen der PISA-Länderstudien zum Ausdruck kommen, zur Kenntnis zu nehmen, und deshalb die Zukunftschancen unserer Kinder opfern. Denn es zeigt sich überdeutlich, dass gemeinsame Bildungssysteme im Grundsatz besser in der Lage sind, die zentrale Herausforderung, nämlich die Förderung insbesondere der schwächeren Schüler, zu meistern als zersplitterte Systeme.  Nach wie vor erreichen in Hessen zu viele Kinder nur die niedrigsten Kompetenzstufen 0 und 1 und müssen damit zur Risikogruppe gerechnet werden. Dies ist angesichts der Herausforderungen der Zukunft völlig inakzeptabel. Das zentrale Problem des hessischen, aber auch des deutschen Schulsystems insgesamt ist nach wie vor die Abhängigkeit zwischen dem sozialen Status des Kindes und dem Bildungserfolg. Diese Abhängigkeit zeigt sich in Hessen besonders deutlich bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Dies ist ein Alarmsignal gerade in einem international geprägten Land wie Hessen, das einen großen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund hat.

Die SPD setzt der vermurksten Bildungspolitik der Landesregierung mit dem ‚Haus der Bildung’ ein Konzept entgegen, das auf individuelle Förderung, auf Zeit zum Lehren und zum Lernen und auf Chancengleichheit setzt. Bestandteile dieses Konzepts sind die Verbesserung der Qualität der frühkindlichen Bildung durch mehr Personal, kleinere Gruppen und die Umsetzung des Bildungs- und Erziehungsplans, die Einführung der flexiblen Schuleingangsstufe und einer gemeinsamen Sekundarstufe I, aber auch die Reduzierung der Klassengrößen und die Einrichtung von echten Ganztagsschulen. Auf all diesen Feldern hat die CDU versagt: Durch Nichthandeln, durch zu spätes Handeln, durch falsches Handeln. Keine Fortschritte bei der Qualität der frühkindlichen Bildung, ein im Kern gescheitertes Hauptschulkonzept, Zweckentfremdung bei den Ganztagsschulmitteln, ein Durchlässigkeit verhinderndes Konzept der Schulzeitverkürzung (G-8), all das hat unsere Bildungseinrichtungen nicht leistungsfähiger gemacht und die Förderung unserer Kinder nicht verbessert. Dem setzen wir unser Ziel entgegen, die Zersplitterung des hessischen Schulsystems zu überwinden. Ganz offensichtlich lohnt der Blick nach Osten, nach Sachsen. Langfristig aber muss der Blick nach Norden, zu den skandinavischen Ländern gehen, die in der Bildungspolitik die europäischen Maßstäbe setzen, an denen wir uns orientieren wollen.