Arme Kinder!

(14.November 2007) Heute wäre Astrid Lindgren 100 Jahre alt geworden. Wie keine andere hat sie sich für das Recht der Kinder auf eine eigenständige und glückliche Kindheit eingesetzt und den Eigensinn und die Phantasie der Kinder gegen die Zumutungen der Erwachsenenwelt verteidigt. Respekt vor Kindern in Freiheit und Geborgenheit: das ist die Botschaft ihrer Bücher und deshalb sind ihre Bücher immer mindestens genauso Erwachsenen- wie Kinderbücher.   Kinder - heißt es - sind die Zukunft unserer Gesellschaft! Kinder sind die schwächsten Glieder der Gesellschaft. Sie zu schützen ist deshalb eine der vorrangigsten Aufgaben jeder staatlichen Ordnung. Dieser Schutz beginnt nicht erst dort, wo unmittelbar die Gefahr durch Misshandlung, Vernachlässigung, Verwahrlosung droht, obwohl auch die berichte darüber heute zu unserem Alltag gehören.

Daneben und davor aber gibt es den massenhaften Skandal der Kinderarmut! 2, 5 Millionen Kinder leben einer aktuellen Untersuchung des Deutschen Kinderhilfswerkes zufolge in Armut, das ist jedes sechste Kind. Und die Kinder, die in dieser Armut leben oder von ihr bedroht sind, wissen, dass sie keine Chance haben. Sie halten sich schon im Grundschulalter für den rest ihres Lebens für benachteiligt. Sie trauen sich weniger zu, sie fühlen sich weniger wohl als andere Kinder. Sie leben im Bewusstsein ihrer eigenen schlechten Lage und ihrer Perspektivlosigkeit.

Das zeigte vor kurzem eine Studie des internationalen Kinderhilfswerkes World Vision. Und die bisherigen PISA-Studien und andere Untersuchungen zur Bildungssituation in Deutschland zeigen, dass die soziale Auslese in unserem Bildungssystem nach den immer gleichen Mustern immer perfekter funktioniert. Wer arm ist, hat keine Chance, deshalb bleibt er arm und deshalb bleiben auch seine Kinder weiter arm! Deshalb müssen wir, wenn wir über Kinder reden, auch über Armut reden! Wir müssen über Teufelskreise reden, die da aufgebrochen werden müssen. Und wir müssen über die Mittel reden, wie diese Kreisläufe aufgebrochen werden können. Vieles muss auf der Bundesebene erledigt werden. Die Erhöhung der Regelsätze für Hartz-IV-Empfänger ist ebenso überfällig wie die Erhöhung der Kinderzuschläge. Das Land muss mit einem beherzten Ausbau der Kinderbetreuung nicht nur etwas für Eltern, sondern auch für Kinder tun und die Startchancen der Benachteiligten verbessern. Das muss sich in der Schule fortsetzen. Und die Kommunen können und müssen sich der Herausforderung stellen, so wie wir Sozialdemokraten das in Gießen in den Sozialen Brennpunkten und auch im Rahmen des Projekts Soziale Stadt getan haben, und wie es beispielgebend die Stadt Dormagen tut.

Nicht eine Maßnahme, nicht eine politische Ebene allein kann die Lage verändern, alle müssen zusammenwirken und die Maßnahmen müssen aufeinander abgestimmt sein: Es ist ein Skandal, dass kostenloses Mittagessen in Kindergarten und Schule den ärmsten Kindern nichts nützt, weil es ihren Eltern bei Hartz-IV wieder abgezogen wird! Ich kenne kaum etwas Schöneres, als meinen Kindern die Bücher von Astrid Lindgren vorzulesen. Noch schöner wäre es zu wissen, dass Astrid Lindgrens Traum vom Recht der Kinder auf eine glückliche Kindheit für alle Kinder wahr würde