Aschermittwoch umgekehrt

08.10.2007) In diesen Tagen geht der Ramadan zu Ende, die Fastenzeit der Muslime weltweit. Das ist in der islamischen Religion eine Zeit, die in ihrer Bedeutung sicher der Advents- und Weihnachtszeit in der christlichen Religion vergleichbar ist. Gläubige in aller Welt begehen diesen Monat durch Fasten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Bei Sonnenuntergang setzt das Fastenbrechen ein, das meist mit Verwandten und Nachbarn begangen wird. Am Ende der Fastenzeit insgesamt steht das große dreitägige "Fest des Fastenbrechens", im Türkischen auch "Zuckerfest" genannt. Es ist das zweite große Fest im Islam.  

In Deutschland leben ca. 3 Millionen Muslime, viele von ihnen seit mehreren Jahrzehnten. Der Islam ist als eine Gemeinschaft vieler Gläubiger neben die christlichen Konfessionen und die anderen Religionsgemeinschaften getreten, er wird unser Land auf Dauer mit prägen. Dennoch weiß man hierzulande nicht viel von der Religion des Islam und der Kultur der islamischen Länder, die in sich wiederum sehr unterschiedlich ist. Wir kennen unsere Nachbarn nicht. Wir teilen nicht ihren Alltag und deshalb auch nicht ihren Feiertag. Wir sind uns fremd geblieben in all den Jahren des mehr oder weniger friedlichen Nebeneinander.  

Das ist schade und das darf auch nicht so bleiben, wenn das Zusammenleben der Religionen und der Kulturen auf Dauer funktionieren soll. Eine Gruppe von drei Millionen Menschen - Tendenz steigend - kann und darf nicht ignoriert werden, in deren und im Interesse aller anderen Gruppen unserer Gesellschaft. Die Integration der Muslime in Deutschland ist eine drängende Aufgabe, Integration muss im Vordergrund stehen, wo Migration im Hintergrund steht. Integration kann aber nur gelingen auf der Basis des Kennens, des Verstehens, des Akzeptierens des Andersseins, des gegenseitigen Respekts, der Gleichberechtigung. Unsere Verfassungsordnung garantiert die Religionsfreiheit, nicht nur die Freiheit der christlichen Religion. Deshalb ist es auch an der Zeit, dass dem Islam, seinen Glaubensinhalten, seinen Festen, seinen Riten, mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, dass ihre Bedeutung stärker auch in das Bewusstsein der nichtislamischen Bevölkerung eingeht. Und es ist Zeit zuzugestehen, dass Muslime dasselbe Recht auf freie und ungehinderte Ausübung ihrer Religion haben wie alle anderen Religionen. In Zeiten, in denen die katholische Messe wieder auf Latein gelesen wird, sollte das übrigens auch für die Sprache des Gottesdienstes gelten.   Weihnachtsfeiern gehören zum selbstverständlichen Programm vieler Organisationen und Institutionen in diesem Land, vom Kindergarten aufwärts. Auch in der SPD ist das in vielen Ortsvereinen so. Der Beginn der christlichen Fastenzeit wird vielerorts mit einem traditionellen Heringsessen oder einem "politischen Aschermittwoch" begangen. Das islamische Fastenbrechen ist das Gegenstück dazu, gewissermaßen "Aschermittwoch umgekehrt". Es wird Zeit, das Fest in unsere Kalender aufzunehmen. Und es wird Zeit, dass Nachbarn endlich einmal ihre Nachbarn einladen, so wie es auch sonst in unserem Land üblich ist oder doch wenigstens sein sollte. Deshalb wollen wir als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten am Dienstagabend damit einen Anfang machen. Und Weihnachten feiern wir dann auch zusammen!