Die deutsche Bildungskatastrophe

(24.09.2007) ""Wir glauben/ an die Unantastbarkeit des augenblicklichen deutschen Bildungsstandes./In der Weltrangliste an 39.Stelle./Mit Uganda auf gleicher Höhe./Womit ich nichts gegen Uganda gesagt haben will,/denn Uganda ist erst seit 2 Jahren souverän!" Das schrieb der Kabarettist Wolfgang Neuß im Jahre 1965. Das Wort von der "deutschen Bildungskatastrophe" machte gerade die Runde, Bildungsökonomie und -soziologie waren en vogue, Ländervergleiche national und international gab es auch schon. Viel Zeit ist seither vergangen und doch scheint es manchmal, als wäre die Zeit stehen geblieben, zumindest in der Bildungspolitik. Jahr für Jahr immer wieder dasselbe Bild: Erscheint eine neue Bildungsstudie, ist Deutschland meist auf den hinteren Plätzen zu finden. Man fragt sich schon, wie viele Studien mit den immer gleichen Ergebnissen und wie viele Mahnungen zum Umsteuern die Politik eigentlich noch benötigt, um den Ernst der Lage endlich zu begreifen. So war es nach PISA, so war es nach IGLU, so war es nach den Berichten der UNESCO, so war es nach den Studien der OECD.  

So ist es auch nach der jetzt veröffentlichten OECD-Vergleichsstudie zu Bildungsbeteiligung und Bildungserfolg. Nach wie vor gelingt es Deutschland nicht, seine enormen Bildungspotenziale zu nutzen. Nach wie vor liegen wir in zentralen Indikatoren unterm OECD-Durchschnitt, der Erfolg der Integrationsbemühungen in der Schule für sozial Schwache und für Menschen mit Migrationshintergrund ist sogar rückläufig. Auf der anderen Seite zeigen die Ergebnisse der Studie, dass Beschäftigungs- und damit individuelle Lebenschancen mit steigenden Bildungsniveaus zunehmen. Bildungsanstrengungen sind nach wie vor die beste Investition in die Zukunft, sowohl für den einzelnen Menschen als auch für das ganze Land.   Dennoch sind in Deutschland die Bildungsausgaben, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, rückläufig. Während der OECD-Durchschnitt 2004 auf 5,5 Prozent gestiegen ist, sank der Anteil in Deutschland um 0,2 auf 5,2 Prozent, die USA wendeten im gleichen Zeitraum 7,4 Prozent auf. Während Deutschland in der akademischen Ausbildung pro Kopf - noch - überdurchschnittlich investiert, liegt es im Primarbereich deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Also genau in der Phase, wo aufgrund der - ebenfalls jedes Jahr aufs neue belegten - sozialen Selektivität unseres gegliederten Schulsystems die Weichen für die Bildungskarriere gestellt werden, wendet Deutschland daher im Vergleich weniger Mittel auf. So wird man bei den angekündigten Initiativen zur frühkindlichen Bildung oder bei der Halbierung der Schulabbrecherzahlen keine Erfolg haben.  

Hier wird man aber einen der Gründe dafür finden, dass in Deutschland der Bildungserfolg weiterhin fundamental von sozialer Herkunft abhängig ist. So sind am Beispiel des Mathematikunterrichts die Ergebnisse von Inländern und Migrantinnen verglichen worden. Das Ergebnis ist erschütternd: erstens ist der Leistungsunterschied zu Gunsten der Inländer enorm (etwa 70% schlechtere Leistungen), und zweitens ist dieser Abstand zur zweiten Generation der Migranten sogar noch stark gewachsen (über 90% schwächere Leistungen im Vergleich). Dieser Befund ist international vollkommen einzigartig: Offenbar gelingt es unserem Bildungssystem zunehmend weniger, junge Menschen mit Migrationshintergrund der zweiten oder dritten Generation schulisch zu integrieren und damit die Voraussetzungen für gesellschaftliche Integration und Teilhabe zu schaffen. Das ist ein bildungspolitischer Skandal! Ein Skandal ist deshalb aber auch, dass die hessische CDU und ihre Landesregierung weiterhin - von allen Erkenntnissen der Bildungsforschung unberührt - ihre Bildungspolitik der rigiden Auslese weiter verfolgt. Der jüngste Bildungskongress der CDU in Bad Homburg hat wieder einmal gezeigt, in welcher Traumwelt sich Koch, Wolff und die CDU bewegen. Während aus Berlin die verheerenden OECD-Signale kommen, dass Deutschland zurück fällt, feiert Roland Koch zur selben Zeit seine miserable Bildungspolitik und übt sich in Selbst- und Wolff-Beweihräucherung. Eine kritische Selbstreflexion über die eigene Politik findet bei der hessischen CDU nicht statt. Falsch liegen immer die anderen. Ein Beispiel: Deutschland fällt im Bereich der 25- bis 34-jährigen Hochschulabsolventen - unter 30 OECD-Staaten - von Platz zehn auf Platz 22 zurück. Was fällt Roland Koch dazu ein: Auch Menschen ohne Abitur sind glücklich! Das ist die Antwort des wirtschaftspolitischen Oberkompetenzbeanspruchers auf den herannahenden Fachkräftemangel. Damit zerstört die CDU die Chancen vieler Kinder und verspielt die Zukunftsfähigkeit des Landes. Anstatt Bildungswege mit ständig neuen und immer höheren Hürden zu versperren, wie die CDU es praktiziert, müssen diese geöffnet werden. Dazu gehört auch der Verzicht auf G-8, aber auch die Zurücknahme der Studiengebühren. Sie sind ein Instrument scharfer sozialer Auslese und obendrein verfassungswidrig. Deshalb bleibt es dabei, dass die SPD nach dem Wahlsieg Studiengebühren innerhalb der ersten 100 Tage einer Regierung Ypsilanti abschaffen wird. Bei der hessischen CDU und ihrer Landesregierung aber helfen keine Mahnungen und keine weiteren Studien mehr. Sie helfen nicht gegen die Bildungskatastrophe, sie sind die Bildungskatastrophe. Da hilft nur noch Abwählen!