Eine Enquête für die Bildung

(3.Februar 2014) Es verhält sich mit den bildungspolitischen Fragen im Grunde so: sie sind dauernd irgendwie in aller Munde, aber sie werden praktisch nie in ihrem Gesamtzusammenhang diskutiert, sondern je nach aktueller Lage der Dinge wird mal dieser, mal jener Aspekt nach vorne geschoben bzw. in den Talkshows abgehandelt: PISA, selbständige Schule, dreigliedriges oder integriertes Schulwesen, Inklusion und Integration, MINT, Ganztagsschule, Medienerziehung, interkulturelle Kompetenz, Lehrerausbildung, Sicherung von Schulstandorten, Bund-Länder-/Land-Schulträger-Kooperation: Die Liste von Themenblöcken und Einzelthemen ist schier unendlich. Ebenso groß ist die Zahl der Interessengruppen und der Perspektiven, die auf das Bildungssystem, auf die einzelne Schule oder Schulform oder Schulstufe oder auf das einzelne Fach gerichtet sind.  

Aus den vielen Diskussionen und Perspektiven und Einzelthemen fügt sich im Moment kein vernünftiges, harmonisches Ganzes, unabhängig von der Frage der unterschiedlichen Interessen und ideologischen Positionen, die auch weiterhin existieren werden und dafür sorgen werden, dass kein vollständiger Konsens über alle Zeiten hinweg entstehen wird. Aber eine übergreifende und im Zusammenwirken von Politik und Wissenschaft und Praxis geführte Diskussion könnte im Grunde vorhandenen, aber im bildungspolitischen Durcheinander verschütteten Konsens zutage fördern, verschwommene Konsenslinien klarer zeichnen und politisch, Pseudokonsens als solchen entlarven, pragmatische Fragen von programmatisch-ideologischen trennen.  

Eine solche Diskussion gibt es z.Zt. weder im wissenschaftlichen noch gar im politischen Raum, auch nicht bei den Vertretern der unterschiedlichen Interessengruppen oder der Praxis. Entweder spiegelt sich auch dort das Klein-Klein der Einzelthemen oder der lokalen oder interessenbornierten Perspektiven wider oder die Betrachtung verbleibt auf einer Ebene von Allgemeinheit, wo entweder der programmatisch-ideologische Widerspruch unüberbrückbar ist oder aber – seltsamerweise teilweise in idealer Ergänzung – die Gemeinsamkeit vorgegeben ist, weil auf einer bestimmten Ebene von Allgemeinheit schlicht niemand mehr widersprechen kann – also etwa bei Aussagen wie „Bildung ist unser einziger Rohstoff“ (was aber eigentlich auch wieder nicht stimmt, aber davon vielleicht ein andermal).   Im parlamentarischen Raum gibt es derzeit überhaupt kein Forum und keine Zeit für eine diese Situation überwindende, themen- und perspektivenübergreifende, Politik, Wissenschaft und Praxis einbeziehende Diskussion. Eine Enquête-Kommission könnte zu einem solchen Forum werden, wie die Enquête-Kommission Integration und Migration gezeigt hat. Deshalb bin ich froh, dass die SPD-Landtagsfraktion diese Erfahrung aufgegriffen hat und den Vorschlag für eine Enquête-Kommission „Zukunft der Bildung“ gemacht hat. Ich freue mich jetzt schon auf die Arbeit dort!